Wirtschaftliche Eigenständigkeit im Laufe des Lebens

Auf eigenen Füßen stehen, selbstbestimmt leben, für das Alter vorsorgen – das ist manchmal schwerer als zunächst gedacht. Denn wer Kinder hat oder Angehörige pflegt, bringt viel Zeit für Fürsorge und Haushalt auf. Zeit, die etwa im Beruf fehlt. Das hat langfristige Auswirkungen auf das Einkommen, den Aufbau von Vermögen oder die Rente.

Unser Projekt „Wirtschaftliche Eigenständigkeit im Laufe des Lebens“ geht der Frage nach, welchen Blick Menschen in Deutschland auf ihre wirtschaftliche Eigenständigkeit werfen – und welche Empfehlungen sich daraus für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ableiten lassen.

Mit designbasierten Methoden ergründeten wir die Perspektiven unterschiedlicher Menschen in verschiedenen Regionen und Lebenslagen auf wirtschaftliche Eigenständigkeit und reflektierten die Ergebnisse mit Gestaltungsakteur:innen, um neue Handlungsspielräume zu entwickeln.

Das Projekt wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) gefördert und vom Center for Responsible Research and Innovation (CeRRI) des Fraunhofer IAO durchgeführt.

Evidenzbasiertes Konzept der ökonomischen Eigenständigkeit

In diesem Projekt haben wir uns auf das evidenzbasierte Konzept der "nachhaltigen ökonomischen Eigenständigkeit“ von Prof. Dr. Miriam Beblo und ihrem Lehrstuhl (Universität Hamburg) bezogen. Hiernach ist eine Person umso eigenständiger, je besser sie ihren Lebensunterhalt unabhängig von privater und staatlicher finanzieller Unterstützung bestreiten kann. Die ökonomische Eigenständigkeit einer Person ist dann nachhaltig, wenn sie auch unter veränderten Lebensumständen wie Trennung, Scheidung oder Ruhestand bestehen bleibt.

Erste Projektphase: Was bedeutet es, wirtschaftlich eigenständig zu sein? Fünf „Lebenszeitlabore“ mit knapp 100 Teilnehmer:innen

In der ersten Projektphase ging es um ein tieferes Verständnis davon, welche Bedeutung wirtschaftliche Eigenständigkeit für jeden und jede Einzelne hat, was Personen mit unterschiedlichen Lebensrealitäten an unterschiedlichen Lebensstationen brauchen, um wirtschaftlich eigenständig zu leben und welche Maßnahmen, Angebote und Werkzeuge die individuelle wirtschaftliche Eigenständigkeit unterstützen können.

Dafür haben wir insgesamt fünf Lebenszeit-Labore an unterschiedlichen Orten in Deutschland durchgeführt (Zeitraum: Dezember 2023 - Januar 2024 in Heilbronn, Windeck, Rostock und Berlin sowie eines online). In diesen partizipativen Workshops haben Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen und mit unterschiedlichen Lebensrealitäten ihre Erfahrungen, Perspektiven und Wünsche in Bezug auf die wirtschaftliche Eigenständigkeit geteilt.

 

Hohe Bedeutung und Wert der wirtschaftlichen Eigenständigkeit für fast alle Teilnehmer:innen

Fast alle Teilnehmenden haben angegeben, dass die wirtschaftliche Eigenständigkeit für sie eine sehr hohe Bedeutung hat - unabhängig von Geschlecht, Alter, Lebensphase, Herkunft, sexueller Orientierung und Ort der Teilnahme. Danach gefragt, was wirtschaftliche Eigenständigkeit für sie ganz persönlich bedeute, zeigte sich eine große Bandbreite positiver Assoziationen: Wirtschaftliche Eigenständigkeit, das bedeutet Selbstbestimmung, Freiheit, genügend Geld,  Unabhängigkeit, Zufriedenheit, keine Schulden, Selbstfürsorgemöglichkeit, Mobilität, Vertrauen in den Partner, Vorsorge für Kinder, Zukunftsplanung, regelmäßiges Einkommen, Vorsorge für sich selbst, Mündigkeit, Verantwortung für andere, die Möglichkeit, der Gesellschaft etwas zurückzugeben, psychische und physische Gesundheit, faire Beziehung, seinen eigenen Weg unabhängig von der Herkunftsfamilie zu gehen. Aber auch Druck und Sorge waren präsente Assoziationen: wie die wirtschaftliche Eigenständigkeit gelingt, ein Tabu-Thema, beeinflusst durch äußere Bedingungen, die Berufswahl und berufliche Selbstverwirklichung.

„Hätte ich das vorher gewusst …“ - Wirtschaftliche Eigenständigkeit ist wichtig, es fehlt aber an Orientierungswissen

Viele Teilnehmer:innen wünschten sich mehr Wissen und Orientierung darüber, welche Auswirkungen Lebensentscheidungen auf ihre wirtschaftliche Eigenständigkeit haben – das gilt für die Berufswahl ebenso wie für die familiäre Aufgabenteilung und die Altersvorsorge. Fehlendes Wissen über die finanziellen Auswirkungen einer traditionellen Aufgabenteilung in Familien, kombiniert mit einer romantischen Vorstellung von Beziehungen führten dazu, dass in Partnerschaften die individuelle wirtschaftliche Eigenständigkeit kaum offen diskutiert oder besprochen wird. Die fehlende Kommunikation und unhinterfragte Rollenvorstellungen unterstützen eine traditionelle Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern, zeigten uns die Teilnehmenden.

Dabei machten viele Teilnehmende deutlich, dass sie vor allem an Übergängen zu neuen Lebensphasen einen besonderen Informationsbedarf haben oder hatten und sie einen hohen Bedarf an orientierenden, verständlichen und gut zugänglichen Informations- oder Orientierungsangeboten haben oder hatten. Lebenserfahrene männliche wie weibliche Teilnehmende wiesen darauf hin, dass sie gerade in Lebensphasen, die mit Risiken für die wirtschaftliche Eigenständigkeit verbunden sind, Hinweise auf mögliche Entscheidungsfolgen gebraucht hätten („hätte ich das gewusst!“). Jüngere Teilnehmende wiesen darauf hin, dass es oft Glücksache sei, ob ökonomische Bildung vom Elternhaus oder Schule vermittelt würde. Auch die Notwendigkeit, Menschen mit besonderen Bedürfnissen, Flucht- oder Migrationserfahrung in diesen Lebensphasen zu adressieren, wurde thematisiert.

Eine wichtige Rolle für die männlichen, wie weiblichen Teilnehmenden spielten auch die befürchteten Folgen und Nachteile bei Abweichungen vom geschlechterkonform erwarteten Verhalten.

Festgestellt wurde, dass staatliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen – oder auch fehlende Rahmenbedingungen wie eine zuverlässige hochwertige Bildungs-, Betreuungs- und Pflegeinfrastruktur oder zugewandte Arbeitgebende - eine traditionelle und oft unbewusst übernommene Rollenteilung fördern. Umgekehrt wurde auch hervorgehoben, wie wichtig und langfristig wirksam eine staatliche Unterstützung wie etwa das Elterngeld für die Frage sei, wie die Arbeit zu Hause aufgeteilt wird, wer in den Paaren wie viel Stunden arbeitet und sich beruflich entwickeln kann. Auch Arbeitgebende könnten dazu erheblich beitragen und die wirtschaftliche Eigenständigkeit nachhaltig fördern. Ein präsentes Muster war, dass Frauen sich in den Lebenszeit-Laboren Entlastung von Familienaufgaben wünschten, während Männer sich wünschten, bei der Vereinbarkeit aktiv durch ihre Arbeitgeber unterstützt zu werden.

Zweite Projektphase: Bedarfen wirksam begegnen - Vorschläge von Gestalter:innen

Die Ergebnisse aus den Lebenszeit-Laboren wurden in einer Gestalter:innen-Werkstatt im März 2024 in Berlin mit Expert:innen aus Wirtschafts- und Sozialverbänden, Gewerkschaften  und Interessenverbänden diskutiert. Welchen Beitrag können die Akteur:innen zur Stärkung der wirtschaftlichen Eigenständigkeit von Frauen und Männern leisten? Die Verantwortlichen haben konkrete Ideen zu den von den Bürger:innen geäußerten Bedarfen in ihren eigenen Aufgabenbereichen entwickelt. Im Mittelpunkt standen dabei Vorschläge,

  • wie das Wissen um die Auswirkungen wichtiger Lebensentscheidungen (Berufswahl, Eheschließung, Familiengründung) auf die ökonomische Eigenständigkeit verbessert werden – und wie dabei Chancengleichheit für Frauen und Männer in ihrer Vielfalt hergestellt werden kann und
  • wie betriebliche Akteur:innen für eine klischeefreie Unternehmenskultur und Personalpolitik qualifiziert werden können – auch, um Frauen und Männern eine partnerschaftliche Aufgabenteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit zu ermöglichen.

Weitere Erkenntnisse und Empfehlungen demnächst nachzulesen

Erkenntnisse, Ergebnisse und abgeleitete Empfehlungen werden aktuell weiter ausgewertet und in einem digitalen Forschungsbericht in Form einer Website aufbereitet, die ab Ende Juni zugänglich sein wird. Den Link zur Webseite werden Sie hier finden.  

Das CeRRI-Team dankt an dieser Stelle allen Teilnehmenden der Lebenszeit-Labore sowie der Gestalter:innen-Werkstatt für ihre engagierte Mitwirkung und ihre Bereitschaft, ihre Ideen und Perspektive mit uns zu teilen!

Zur Diskussion: Wirtschaftliche Eigenständigkeit, gefördert durch passende institutionelle Rahmenbedingungen? Ein Blick auf die Potenziale

In einer Mittagskonferenz am 25. Juni 2024 wollen wir den Blick auf die wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung und auf die Potenziale der wirtschaftlichen Eigenständigkeit weiten und die Ergebnisse mit einem Fachpublikum diskutieren. Weitere Informationen werden wir in Kürze hier veröffentlichen.

Gefördert durch: